Kleines Angerfest - großes Familienfest

Es war Anfang September 2010. Selbstgestaltete Plakate an den öffentlichen Bäumen und Wänden im Dorf Westeregeln luden zum 2. Familienfest auf den kleinen Anger in die Mitte des Monats September 2010 ein. Ina Maluche hatte mich schon auf dieses ungewöhnliche Ereignis hingewiesen,und mich über eine Gruppe von Aktiven informiert, die als Veranstalter fungierten.

 

Mütter, Väter, Söhne, Töchter, Freunde und Bekannte wollten ihrem gelungenen Versuch des Jahres 2009 mit dem 1. Familienfest und der bejubelten Aufführung des Märchens Schneewittchen ein zweites Ereignis folgen lassen .Dieses Mal sollte die Märchenaufführung „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im Mittelpunkt stehen, wieder mit einheimischen Akteuren, erprobt Anno 2009. Und siehe da: Die Westeregelner kamen in Scharen an diesem durchweg sonnigen, aber sonst in Dauerregenzeiten eingebetteten 11. und 12. September 2010 zum festlich geschmückten Gelände am kleinen Anger, an der Reitertränke.

 

Erwartungsvoll strömten hunderte Besucher zum Festplatz, auf dem an zwei Tagen für 1 Euro Eintritt für Erwachsene und 50 Cent für Kinder Vieles geboten wurde: Kostenloses Karussellfahren, eine anspruchsvolle Märchenaufführung, bei der, als die selbstgebastelten Tauben aufflogen, Tränen der Rührung flossen, eine Mini-Playback-Show, Tanz in der Reitertränke, viel Musik, obligatorische Hüpfburgen, kreatives Basteln mit den Egelner Profis um Brigitte Mahruhn, und, und, und. Es gab zu essen und zu trinken, da mußte man nicht mal zwischendurch nach Hause gehen. Ein Fest für die ganze Familie also, wie es angedacht war….

 

An den Tischen, auf dem Platz, am Rande des Geschehens trafen sich Jung und Alt und fühlten sich wohl inmitten der reichen Kinderschar. Das war wohl das Schönste für den das Geschehen von außen betrachtenden Zuschauer: Die Kinder! Sie amüsierten sich köstlich, als es los ging mit dem Märchenspektakel, das die jungen Muttis, die Brüder und Onkel monatelang einstudiert hatten, schauten erwartungsvoll auf die Bühne, (Wo war die her?) bewunderten die hübschen Kostüme der Schauspieler(Wo waren die her?) die zauberhafte Kutsche mit dem edlen Pferd von „Pui“ Jühling, (woher kamen die Felle?) kurz, sie ließen sich an diesem Samstagnachmittag schlichtweg verzaubern. Eine Hauptdarstellerin war noch aktiv beim Handball zugange, darum fing es etwas später an, aber das tat der fröhlichen Stimmung keinen Abbruch. Man konnte sich hinsetzen, (wo kamen die Bänke und Tische her?) und wer einen freien Platz suchte, brauchte nur auf den Augenblick zu warten, als die Mädchen des Einlasses mit den Spendentellern erschienen, da war aufstehen angesagt…Natürlich nicht für alle…

Ich suchte bei meinen Fotobesuchen an beiden Tagen nach Bürgermeistern oder anderen gewichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, konnte erstere aber nur als radelnde Gruppe am Samstag in der Rosa-Luxemburg-Straße entdecken. Dorfbegehung war angesagt, na ja, muß auch sein, oder?

 

Die Ausnahme: Rolf Maluche, dieser nebenamtlich gewählte Ratsherr und hauptamtlich im Dienste der lernenden Kinder stehende Musikant der besonderen Art: Schön, dass es solche Demokraten seit Jahrzehnten im Dorfe gibt….

 

Aber ich erfuhr natürlich, dass Bürgermeister André Kulak schon am ersten Tag dabei war, und auch, dass er mit der Bereitstellung und dem An- und Abtransport der Festzeltgarnituren tatkräftige Hilfe geleistet hatte. (Man kann ja nicht ständig dabei sein..)

 

Nachdem ich also meinen bescheidenen fotographischen Beitrag im Kasten hatte, suchte ich nach den Leuten, die sich das zum zweiten Mal aufgeladen hatten: Planung, Vorbereitung, Organisation, Durchführung und Auswertung und wieder Planung, jetzt schon für 2011! Ja, Sie lesen richtig: Schon jetzt muß man das Karussell der Familie Weisheit unter Vertrag nehmen. Sonst sind die weg, anderswo. Und die für die Kinder kostenlose Karussellfahrt über zwei Tage kostet ja den Vertragspartner einen Festbetrag. Logisch.

 

Nun saß ich also bei der geistigen und organisatorischen Herrin des Ganzen: Gaby Klockmann. Sie hatte noch keine goldene Nase, (die viele ihr als Motivation andichten) sondern eine gute Nase für den hundertjährigen Kalender. Und der sagte ihr, dass es am 11. September 2011 regnen, dass aber am 17. und 18. September 2011 schönes Wetter sein wird. Also wurde der Karussell-Termin mit den Weisheits schon festgemacht.

 

Wie kommt eine gestandene Geschäftsfrau mit mehreren Leistungsangeboten dazu, sich derart engagiert um das familiäre Miteinander der Westeregelner zu bemühen? Denn spätestens, wenn man hinter die Kulissen des Ganzen schaut, erfährt der geneigte Betrachter, was an Aufwand zu leisten ist, um an einem Wochenende 500 bis 600 Menschen in gemeinsamen Stunden glücklich zu machen….

 

Praktische Erfahrungen hatte Gaby bei der Gestaltung der beliebten Frauentags- und Silvesterfeiern in der Sporthalle gesammelt, aber das ist etwas ganz anderes, als ein solches Fest ganzer Familien an zwei Tagen im Freien auszurichten. Und, das hat die Gaby in drei Versuchsjahren herausgefunden: Es besteht ein großer Bedarf an solchen geselligen Veranstaltungen im Dorf.

Als die Idee eines Familienfestes im Jahre 2008 geboren wurde, war die Zielsetzung schnell geklärt: Alle an einem Tisch, möglichst die ganze Familie, keiner braucht kochen und einige sollen Theater spielen, andere ihre musikalischen Talente zeigen, alle sollen Spaß haben. So wurde die Märchengruppe aus Kindern und Eltern gegründet, (Namen zum Nachlesen freigegeben.)

 

Als erstes wurden die Texte aus dem Inhalt der Märchen abgeleitet, (es gab keine verfügbaren Textbücher!) Aus dieser Schneewittchen-Zeit des 1. Familienfestes stammt ein lustiges Tagebuch von Gaby. Hier einige Zitate: “Nun suchte ich im Internet einen Text, aber meine Suche war vergebens. Dann fiel mir das Märchen auf DVD ein. 4 Tage lang ließ ich die Platte laufen und schrieb mir dabei die Finger wund. Nicht nur das, auch einen Termin bei Ina musste ich mir für meine dabei entstandenen grauen Haare holen. Eine Kulisse und eine Bühnenausstattung fehlten nun auch noch. Und wieder ging mir ein Licht auf, denn dieses Märchen hatte ich schon einmal gesehen. Aber wo war es? Und wer hat es gespielt?“

 

Schnell kam Gaby beim weiteren Nachdenken auf die Lebenshilfe Egeln, die bei der Burgweihnacht 2004 das gleiche Märchen aufgeführt hatte und mit Kulissen, Kostümen und Inventar helfen konnten.Wie leicht schreibt sich das, erlebt sich das. Die schwierigen monatelangen Proben, da lagen oft die Nerven blank. Doch alles war vergessen, als es zur Aufführung kam. Schauspieler hätten es nicht besser machen können und der verdiente Applaus ermunterte die Akteure, es ein zweites Mal zu versuchen.

 

Mit „Aschenbrödel“ eben, im Jahre 2010, und es lief genauso anstrengend und trotzdem schön ab wie zuvor. Etwas leichter, weil man ja wusste, woher die schönen Kostüme kommen, wenn man nur zahlt, und die Kulissen, wenn man gute Freunde hat. Jetzt schenkten die Theatermacher ihrer Gaby einen Regiestuhl, damit sie weitermacht mit der Anstrengung, den Leuten ihres Heimatdorfes die Freude einer einmaligen Begegnung bei Musik und guter Laune zu ermöglichen.

 

Und der Erfolg dieses Jahres gibt allen Beteiligten recht. Wie perfekt die Organisation der Truppe war, konnte man am Tag danach sehen: Kein vollgemüllter Schauplatz, ordentlich aufgereihte blaue Säcke, auch das gehört zum guten Eindruck, den diese Mannschaft um Gaby Klockmann hinterlassen hat.

 

Danke, weitermachen, auch wenn es immer wieder Nörgler gibt, die den einen Euro für den Eintritt Erwachsener und die 50 Cent für den Eintritt der Kinder als unangemessen bezeichnen… Auf dem Rummelplatz kostet eine Karussellfahrt einen und mehr Euro. Auf dem kleinen Anger in Westeregeln konnte man, wenn man es aushielt, stundenlang fahren….

 

(Text: Christine Urbat)